Unter einem Baum über Zukunft sprechen
Studium oder Ausbildung? Über Bildungswege, Integration und die Freiheit, den eigenen Weg zu wählen.
Manchmal bekommt ein Ort erst im Nachhinein seine besondere Bedeutung.
Am 22. August 2026 fand auf dem Gelände der Ostfalia Hochschule in Wolfenbüttel die 4. Edition des Afrikanischen Integrationsevents statt. Unter freiem Himmel kamen Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten und Perspektiven zusammen, um sich über Integration, Bildung und berufliche Zukunft auszutauschen.
Ich war an diesem Tag als Panelistin eingeladen. Das Thema unserer Podiumsdiskussion lautete:
„Studium vs. Ausbildung“
Eine Frage, die auf den ersten Blick nach einer Entscheidung zwischen zwei Bildungswegen klingt. Im Laufe des Gesprächs wurde jedoch deutlich, dass dahinter viel mehr steckt: persönliche Ziele, finanzielle Möglichkeiten, zeitliche Belastungen, berufliche Perspektiven und die Frage, welcher Weg überhaupt zur eigenen Lebenssituation passt. Genau diese Aspekte waren Bestandteil unserer Diskussion.
Mitten auf dem Veranstaltungsgelände stand ein großer Baum.
Unter seiner Krone saßen Menschen zusammen, hörten einander zu und tauschten sich aus. Während des Events nahm ich ihn zunächst einfach als Teil der besonderen Open-Air-Atmosphäre wahr.
Erst später wurde mir bewusst, wie gut dieser Baum eigentlich zu unserem Thema passte.
Ein Baum, unter dem Wissen weitergegeben wird
Einige Zeit später fiel mein Blick auf das Cover des Buches Sagesse universelle von Fabien Feudjio.
Darauf ist ebenfalls ein großer Baum zu sehen. Unter ihm sitzen Menschen zusammen und scheinen den Worten eines Älteren zuzuhören.
Sofort musste ich an das Foto vom Afrikanischen Integrationsevent denken.
Zwei Bilder. Zwei unterschiedliche Situationen.
Und doch lösten sie bei mir denselben Gedanken aus:
Menschen kommen zusammen, hören einander zu, teilen Erfahrungen und sprechen über die Zukunft der nächsten Generation.
Der Baum besitzt in verschiedenen afrikanischen Gesellschaften und Traditionen eine besondere Symbolkraft. Seine konkrete Bedeutung unterscheidet sich je nach Region, Gemeinschaft und kulturellem Kontext. Er kann jedoch ein Ort der Begegnung, des Austauschs und der Weitergabe von Erfahrungen sein.
Und genau darin erkannte ich im Nachhinein etwas von unserem Austausch an diesem 22. August wieder.
Unter einem Baum auf dem Gelände einer deutschen Hochschule diskutierten Menschen mit unterschiedlichen Biografien darüber, welche Bildungswege jungen Menschen Perspektiven eröffnen können.
Studium oder Ausbildung - was ist eigentlich der richtige Weg?
Im Mittelpunkt unserer Podiumsdiskussion stand zunächst die Gegenüberstellung von Studium und Ausbildung.
Doch kann man überhaupt allgemein sagen, welcher Weg besser ist?
Während des Panels sprachen wir unter anderem darüber, wie viel Zeit und finanzielle Ressourcen ein Bildungsweg erfordert, wie sich Studium oder Ausbildung mit anderen Verpflichtungen vereinbaren lassen und wie der eigene Lebensunterhalt während dieser Zeit gesichert werden kann.
Auch Kriterien wie familiäre Situation, Alter, finanzielle Möglichkeiten, berufliche Ziele, persönliche Fähigkeiten und Interessen sowie Beschäftigungs- und Entwicklungsperspektiven wurden in die Diskussion einbezogen.
Damit wurde aus „Studium vs. Ausbildung“ für mich zunehmend eine andere Frage:
Welcher Bildungsweg passt zu welchem Menschen?
Denn ein Bildungsweg ist nicht automatisch besser, nur weil er akademisch ist. Und eine Ausbildung ist nicht automatisch die bessere Wahl, nur weil sie stärker praxisorientiert ist.
Entscheidend sind der Mensch, seine Fähigkeiten, seine Ausgangssituation und seine Ziele.
"Nicht jeder Ast muss in dieselbe Richtung wachsen, damit der Baumstark wird"
Mein eigener Weg war nie „Studium oder Ausbildung“
Vielleicht hat mich die Diskussion auch deshalb besonders beschäftigt, weil meine eigene Biografie diese vermeintliche Trennung nicht widerspiegelt.
2004 kam ich als internationale Studentin aus Kamerun nach Deutschland.
Ich entschied mich für ein international ausgerichtetes Studium der Betriebswirtschaftslehre. Gleichzeitig absolvierte ich eine Ausbildung zur Speditions- und Logistikkauffrau.
Mein Weg war damit kein „Studium versus Ausbildung“.
Er war:
Studium UND Ausbildung.
Rückblickend haben mich beide Bildungswege auf unterschiedliche Weise geprägt.
Die Ausbildung brachte mich unmittelbar mit betrieblichen Abläufen und der praktischen Arbeitswelt in Berührung. Das Studium vermittelte mir wirtschaftliche, analytische und internationale Perspektiven.
Danach endete das Lernen nicht.
Berufserfahrung, Verantwortung und kontinuierliche Weiterbildung begleiteten meinen weiteren Weg - von der Studentin und Praktikantin über Fach- und Führungspositionen bis hin zu Verantwortung auf CFO-Ebene.
Gerade deshalb würde ich einem jungen Menschen heute nicht pauschal sagen:
„Du musst studieren.“
Aber ebenso wenig:
„Eine Ausbildung ist die bessere Wahl.“
Ich würde zunächst andere Fragen stellen:
Was möchtest du erreichen?
Was kannst du besonders gut?
Welche Art zu lernen passt zu dir?
Welche finanziellen und persönlichen Voraussetzungen hast du?
Und welche beruflichen Möglichkeiten möchtest du dir für deine Zukunft eröffnen?
Bildung ist mehr als ein Abschluss
Während der Podiumsdiskussion ging es deshalb nicht nur darum, wie man einen Abschluss erreicht.
Wir beschäftigten uns auch mit der Frage, welche Türen Bildung später öffnet und welchen Einfluss sie auf die persönliche und berufliche Entwicklung haben kann.
Gleichzeitig hat jeder berufliche Weg seinen Preis: Verantwortung, Leistungsdruck, Weiterbildung und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben gehörten ebenfalls zu den Themen des Panels.
Auch das gehört für mich zu einer ehrlichen Berufsorientierung.
Es reicht nicht, jungen Menschen nur zu erzählen, welche Berufe gute Karrierechancen bieten.
Wir sollten ihnen auch zeigen, was der jeweilige Weg von ihnen verlangt.
Für internationale Studierende beginnt der Weg früher
Für internationale Studieninteressierte ist diese Orientierung noch wichtiger.
Wer sich beispielsweise von Kamerun aus für ein Studium in Deutschland entscheidet, wählt nicht nur einen Studiengang.
Diese Entscheidung kann gleichzeitig bedeuten:
eine neue Sprache,
ein anderes Bildungssystem,
eine andere Kultur,
neue institutionelle Regeln,
finanzielle Herausforderungen
und ein Leben weit entfernt vom vertrauten Umfeld.
Ich kenne diesen Schritt aus eigener Erfahrung.
Eine Hochschulzulassung allein beantwortet noch nicht die vielen Fragen, die mit einem solchen Lebensweg verbunden sind.
Wie funktioniert ein Studium in Deutschland?
Was wird von mir erwartet?
Wie finanziere ich mein Leben?
Wie finde ich meinen Platz in der Gesellschaft?
Welche Möglichkeiten habe ich nach dem Studium?
Und vielleicht sollte sogar noch früher gefragt werden:
Ist ein Studium in Deutschland tatsächlich der richtige Weg für mich , oder würde eine andere Form der beruflichen Qualifikation besser zu meinen Zielen passen?
Deshalb beginnt gelungene Integration für mich nicht erst mit der Ankunft in Deutschland.
Sie beginnt mit Information, Vorbereitung und Orientierung.
Genau hier setzt UMLAND an
Diese Überzeugung prägt auch mein sozialunternehmerisches Vorhaben UMLAND.
UMLAND möchte Brücken zwischen Deutschland und Kamerun schaffen.
Dabei geht es mir nicht darum, Menschen einfach nach Deutschland zu bringen.
Es geht darum, Menschen dabei zu unterstützen, informierte Entscheidungen zu treffen, sich vorzubereiten und langfristige Perspektiven aufzubauen.
Sprachliche Vorbereitung gehört dazu.
Kulturelle Orientierung gehört dazu.
Information über Bildungs- und Berufswege gehört dazu.
Und ebenso die Frage, wie aus Bildung später eine nachhaltige berufliche und gesellschaftliche Integration entstehen kann.
Gerade junge Menschen sollten nicht lediglich hören:
„Geh nach Deutschland und studiere.“
Sie sollten wissen, warum sie diesen Weg wählen, welche Anforderungen sie erwarten und welche Alternativen ihnen offenstehen.
Denn eine gute Entscheidung beginnt nicht mit einem Visum oder einer Zulassung.
Sie beginnt mit Orientierung.
Vom Baum zur Brücke
Wenn ich heute auf das Foto vom 22. August 2026 zurückblicke, sehe ich deshalb mehr als eine Open-Air-Veranstaltung.
Ich sehe Menschen unter einem Baum, die einander zuhören und Erfahrungen weitergeben.
Und darin entdecke ich eine Verbindung zu dem, wofür UMLAND stehen soll.
Ein Baum braucht Wurzeln, um Halt zu finden.
Gleichzeitig wachsen seine Äste nicht alle in dieselbe Richtung.
So ist es auch mit Menschen.
Wir können unsere Wurzeln bewahren und trotzdem neue Wege gehen.
Der eine entscheidet sich für eine Ausbildung.
Die andere für ein Studium.
Manche verbinden beides.
Andere verändern ihren Weg im Laufe ihres Lebens noch einmal.
Nicht jeder Ast muss in dieselbe Richtung wachsen, damit der Baum stark wird.
Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Erkenntnis, die ich aus unserer Diskussion mitgenommen habe:
Integration bedeutet nicht, Menschen einen bestimmten Weg vorzugeben.
Integration bedeutet auch, ihnen Zugang zu Wissen, Sprache, Orientierung und Chancen zu ermöglichen, damit sie ihren eigenen Weg bewusst wählen und erfolgreich gestalten können.
Und vielleicht brauchen wir dafür wieder mehr Orte wie diesen Baum:
Orte, an denen Menschen zusammenkommen.
Orte, an denen zugehört wird.
Orte, an denen Erfahrungen weitergegeben werden.
Orte, an denen junge Menschen Fragen stellen dürfen.
Und Orte, an denen wir ihnen nicht sagen, welchen Weg sie gehen müssen, sondern ihnen helfen, ihren eigenen zu finden.
Genau solche Brücken möchte UMLAND bauen.
UMLAND
Menschen verbinden. Chancen schaffen.
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Fotoserien
Afrikanisches Integrationsevent (SA, 19. September 2026)









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